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INTERVIEW: „Osteopathie bietet Ansätze für Mutter und Kind“

24.05.18

Christoph Bellmann, Arbeitskreis Kinderosteopathie im Bundesverband Osteopathie e.V. – BVO

Werdende und frischgebackene Eltern haben heute vielfältige Möglichkeiten, sich um das Wohl und eine positive Entwicklung ihrer Kleinen zu kümmern. Zahlreiche Ratgeber und Angebote stehen ihnen zur Verfügung. Immer häufiger entscheiden sie sich auch für einen Termin beim Osteopathen. Wir sprechen mit Christoph Bellmann vom Arbeitskreis Kinderosteopathie des Bundesverband Osteopathie e.V. – BVO über die Möglichkeiten der osteopathischen Behandlung für Mutter und Kind. In einem Video zeigt der Kinderosteopath, wie eine Behandlung abläuft und helfen kann.

Immer mehr Eltern interessieren sich für das Thema Osteopathie. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Viele Publikumsmedien, Gesundheitsmagazine und Frauenzeitschriften berichten mittlerweile über Osteopathie. Oft fällt der Blick dabei auch auf die Themen Schwangerschaft und Kinder. Sicher hat das wachsende Interesse auch damit zu tun. Grundsätzlich bietet die osteopathische Behandlung für werdende Mütter und Kinder eine sinnvolle Ergänzung. Als eigenständiger medizinischer Ansatz betrachtet die Osteopathie den gesamten Organismus. Osteopathen arbeiten ohne Medikamente. Sie nutzen zur Untersuchung und Behandlung nur ihre Hände. Und viele werdende und frischgebackene Eltern suchen bei Beschwerden nach einer besonders schonenden Therapie. Bei speziell ausgebildeten Kinderosteopathen können sie diese finden.

Inwieweit kann Osteopathie während der Schwangerschaft unterstützen?

Man kann bereits während der Schwangerschaft die klassischen Beschwerden werdender Mütter behandeln. Das reicht von Wassereinlagerungen in den Beinen über Rückenbeschwerden und Hohlkreuz bis hin zu Sodbrennen. Nach der Geburt bietet die Therapie eine Unterstützung für die Mütter während der Rückbildungsphase. Osteopathen können dort mit sanften manuellen Techniken ansetzen.

Osteopathen unterstützen werdende Mütter während der Schwangerschaft mit manuellen Techniken etwa bei Rückenschmerzen oder Sodbrennen.

Wie genau gehen Osteopathen dabei vor?

Die Osteopathie betrachtet den Körper ganzheitlich. Über Gewebestrukturen, Muskeln, Faszien und Versorgungssysteme wie Blut- und Lymphkreislauf sind alle Körperteile und Organe miteinander verbunden. Gibt es Beeinträchtigungen oder Blockaden an der einen Stelle, kann das Auswirkungen auf andere Bereiche haben. Ein ganz offensichtliches Beispiel – in der Schwangerschaft wandelt sich die komplette Statik des weiblichen Körpers. Der Bauch wächst, das Gewicht erhöht sich. Die Züge der Faszien und Muskulatur verändern und verziehen sich. Rückenbeschwerden können entstehen. In solchen Fällen ertasten Osteopathen mit ihren Händen Spannungen in den Faszien und Muskeln. Sie spüren Zirkulationsstörungen auf, die sich dadurch ergeben. Mit leichtem Druck und sanften Griffen mobilisieren sie das Gewebe und normalisieren die Versorgung mit Blut und Botenstoffen, mit dem Resultat der Schmerzlinderung.

Welche Ansätze sieht die Osteopathie nach der Geburt?

Gegen Ende der Schwangerschaft wird der Körper hormonell auf den Geburtsvorgang vorbereitet. Hormone werden ausgeschüttet, die den Bandapparat aufweichen, damit sich beispielsweise das Becken öffnen kann, um die Geburt zu ermöglichen. Nach der Geburt müssen die Bänder wieder hormonell verfestigt und gestützt werden. Diese Rückbildungsphase dauert bis zu zwölf Monate. Haben sich Verklebungen gebildet, die den Hormonfluss beeinträchtigen, ist dieser Vorgang gestört. Osteopathen suchen nach den Blockaden und lösen sie. Die Hormonversorgung wird gefördert und der Kapselbandapparat wieder normalisiert.

Die Osteopathie ermöglicht eine sanfte und schonende Behandlung von Babys.

Welche Möglichkeiten bietet die Osteopathie für Neugeborene?

Auf der einen Seite kommen Eltern unabhängig von Beschwerden zu uns. Sie lassen als Ergänzung zu den ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen einen Blick auf die funktionellen Aspekte der körperlichen Entwicklung werfen. Frühzeitig können so beispielsweise Risiken für spätere Hüftprobleme erkannt werden. Auch Beschwerden, die sich durch übermäßiges Schreien der Kleinen zeigen, werden oft behandelt. Fast jedes fünfte Baby weint über längere Zeit häufig und fortdauernd. Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Eine dieser Ursachen lässt sich im Bindegewebe der Nahtstellen der Schädelknochen finden, die beweglich sind. Treten Spannungen auf, weil sich während der Geburt Verklebungen oder Blockaden gebildet haben, fühlen sich die Kleinen unwohl. Das äußert sich dann in intensivem Weinen.

Wie sieht die Osteopathie Dreimonatskoliken?

Auch diese krampfartigen Beschwerden können eine Ursache für häufiges Schreien sein. Aus osteopathischer Sicht gibt es dort sehr gute Behandlungsansätze. Die Gründe für die Krämpfe können mitunter im verklebten Darmgewebe liegen. Bisweilen kann es auch zu wenig Darmbakterien geben, die dafür Anlass sein können. Die Kleinen spüren das als schmerzhafte Verkrampfung. Osteopathen ertasten dann die Verkrampfung, behandeln sie und mobilisieren den Darm. Oftmals entleeren sich die Kinder bereits während der Behandlung und fühlen sich dann befreit.

Wo kann die Osteopathie in späteren Jahren unterstützen?

Haben Kleinkinder beispielsweise Flüssigkeit im Ohr, ist der Verbindungskanal zwischen Rachen und Ohr blockiert. Um die Eustachische Röhre, auch Ohrtrompete genannt, wieder zu öffnen, werden manchmal operativ kleine Kunststoffröhrchen eingesetzt. Osteopathen hingegen ertasten die Ursachen, die an Verschiebungen der Knochennähte im Umfeld der Eustachischen Röhre liegen können. Mit manuellen Griffen behandeln sie diese mit dem Ziel, dass sich die Röhre von selbst öffnet. Auch bei Wachstumsbeschwerden gibt die Osteopathie eine schonende Antwort. Oft treten Schmerzen auf, wenn die Knochen schneller wachsen als Faszien, Bänder und Muskeln. Osteopathen setzen dort an, befördern die Versorgung der Gewebestrukturen und somit auch ihre Entwicklung. Einen eigenständigen Blick werfen Osteopathen auch auf ärztliche Diagnosen wie ADS und ADHS. Nicht selten verbergen sich hinter den einzelnen Symptomen Ursachen, die sich osteopathisch behandeln lassen.

Osteopathie kann also in vielen Bereichen unterstützen. Worauf sollten Eltern achten?

Die osteopathische Behandlung von Schwangeren und Kindern ist eine Spezialdisziplin der Osteopathie und erfordert eine spezielle Ausbildung. Organismus und Versorgung werdender Mütter wandeln sich und unterscheiden sich stark im Vergleich zu vorher. Säuglinge und Heranwachsende sind mitten in der körperlichen Entwicklung. Muskeln, Gewebe, Organe und Knochen verändern sich beständig, genauso wie Stoffwechsel und Hormonhaushalt. Der Bundesverband Osteopathie e.V. – BVO zertifiziert Kinderosteopathen mit einem speziellen Siegel. Sie müssen dafür eine reguläre Osteopathie-, sowie eine umfangreiche Kinderosteopathie-Ausbildung nachweisen.


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