Basketball trifft Osteopathie

20.03.23
Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft hat im Sommer 2022 ihr Ziel erreicht: Bei der EUROBASKET in Köln sicherte sie sich Bronze. Mit dabei war BVO-Mitglied Frank Offermann im medizinischen Team. Foto: camera4 

Seit über 10 Jahren betreut Frank Offermann die deutsche Basketball- sowie die Schwimmnationalmannschaft. Er war bereits weltweit als osteopathischer und physiotherapeutischer Betreuer unterwegs – von Turnieren, über Wettkämpfen bis hin zu Europa- und Weltmeisterschaften. Dabei begleitet er die Teams und Athlet*innen aus der ganzheitlichen Perspektive – und stellt immer wieder fest: Sie sind bodenständige Typen und sich ähnlicher als gedacht.

Herr Offermann, wie sind Sie das erste Mal in Kontakt mit dem Profi-Sport gekommen?

Nach meinen Studiengängen in den Niederlanden und in Perth, Australien, arbeitete ich in der Kölner MediaPark Klinik im Bereich der Sportrehabilitation von PhysioSport. Hier bin ich vorwiegend mit Profisportlern aus den Bereichen Fußball, Eishockey und Basketball in Kontakt gekommen, die nach den verschiedensten Verletzungen ihre Rehabilitation dort bestritten.

Mein damaliger Chef und Osteopath betreute zu der Zeit schon seit vielen Jahren die Basketball-Nationalmannschaft. Er fragte mich nach einigen Jahren, ob ich nicht auch Lust hätte, die Betreuung der Nationalmannschaft mit zu übernehmen. Ab 2009 stieg ich dann beim Deutschen Basketball Bund (DBB) mit ein. Das war eine große Ehre für mich!

Sie betreuen sowohl die Schwimm- als auch die Basketball-Nationalmannschaft. Was unterscheidet eine*n Schwimmer*in von einer*m Basketballer*in aus therapeutischer Sicht?

Eigentlich gar nicht so viel wie man vielleicht von der körperlichen Konstitution her annehmen könnte. Klar, ein Basketballer wie Tibor Pleiß mit einer Körpergröße von 2,19 m und Schuhgröße 52 ist natürlich physisch etwas anderes als eine 1,64 m Schwimmerin. Aber die therapeutischen Herangehensweisen sind vom Prinzip her – wie auch bei jedem anderen Patienten zu Hause in der Praxis – ähnlich. Es gilt immer den individuellen Athleten/Patienten in einem bio-psycho-sozialen Zusammenhang zu betrachten. Klar, die körperliche Beschwerde ist zentral. Ich versuche die primäre Ursache zu finden und diese zu behandeln. Athleten stehen jedoch oft unter immensem Druck (eigene Ziele, Trainer, Verband, Verein, Familie, Sportförderung etc.). Hier die Zusammenhänge zu erkennen und sie mit in den Behandlungsprozess zu integrieren, ist oft eine große Herausforderung.

Ob Schwimmer oder Basketballer: Die therapeutische Herangehensweise ist für Frank Offermann die gleiche. Foto: DBB/Kröger

Was macht die Behandlung von Sportlern dann zu etwas Besonderem?

In gewisser Weise ist es natürlich herausfordernd sie zu behandeln. Als Therapeut bekomme ich fast immer eine direkte Reaktion, die sich häufig in der sportlichen Leistungsfähigkeit äußert. Oft ist ebenfalls Druck von außen da, beispielsweise um eine Spiel- oder Schwimmfähigkeit wieder zu erreichen. Aber im Profisport-Bereich behandele ich fast immer im Team, spreche meine Vorgehensweise mit den Kollegen ab, sodass sich der Druck dann oft auch auf das gesamte medizinische Personal verteilt.

Welche Erfolge können Sie im sportlichen Bereich mit Hilfe der Osteopathie erzielen?

In der Betreuung von Spitzensportlern hat mir die Osteopathie eine zusätzliche, ganzheitliche Möglichkeit der Diagnostik gegeben und mein Behandlungsrepertoire deutlich erweitert. Mit Sicherheit merken es die Athleten, dass die Behandlung etwas anders aussehen kann und durchgeführt wird.

Sie sind grundsätzlich Physio- und Manualtherapeut. Behandeln Sie strikt rein physiotherapeutisch oder osteopathisch?

Ich mische oft die verschiedenen Behandlungsformen, sodass ich nicht behaupten kann, „rein“ osteopathisch zu arbeiten. Meiner Meinung nach ist das in der Spitzensportbetreuung auch nicht realistisch, in der man oft sehr pragmatisch vorgehen muss. Da kann es eben sein, dass man akut auch mal eine Funktionsmassage vornehmen muss, dem Athletiktrainer bei der Krafttrainingsbetreuung aushilft oder für den Teambetreuer die Elektrolytgetränke mischt.

Sind Sie als Osteopath dann bei europa- oder weltweiten Wettkämpfen eher ein „bunter Hund“?

Erfreulicherweise ergänzt die Osteopathie meiner Erfahrung nach im internationalen Sport immer mehr die medizinischen Betreuungsteams. Gerade in den Teams der bekannten Länder wie Frankreich, Belgien, Niederlande, Großbritannien, Spanien aber auch den skandinavischen Ländern findet man immer mehr osteopathische Kollegen und oft gibt es hier einen sehr produktiven Austausch.

Insgesamt eine tolle Entwicklung und sie unterstreicht die wachsende Bedeutung der Osteopathie.

Mitten drin statt nur dabei: Frank Offermann behandelt die Spieler der Basketball-„Natio“, damit sie Bestleistungen auf dem Feld zeigen können. Foto: bastisevastos

Seit über 10 Jahren betreuen Sie die A-Nationalmannschaft der Herren des Deutschen Basketballbundes – da erlebt man so einiges…

Ja, natürlich. Ganz klar sind das die sportlichen Erfolge der letzten beiden Jahre mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2021 in Tokio und der dritte Platz bei der EUROBASKET 2022 in Köln und Berlin. Es war wirklich großartig diese tolle Mannschaft zu betreuen und zu sehen, wie sie sich über das Turnier hinweg zu solch einem großartigen Erfolg gekämpft hat. Die wachsende Unterstützung des Publikums während des Turniers zu spüren, war wirklich außerordentlich. Zeitweise haben bis zu 4 Millionen Zuschauer die Spiele am Fernseher verfolgt! Zusammen mit der grandiosen Unterstützung in den Hallen hat das die Spieler zu absoluten Höchstleitungen gepusht und war mit Sicherheit für alle Beteiligten unvergesslich.

Besonders freut mich das auch für den DBB, der Jahre in die Vorbereitung des Turniers gesteckt hat und dieses dann mit diesem Erfolg abschließen konnte.

Für mich persönlich als echter „kölsche Jung“ in der Vorrunde fünfmal in der ausverkauften Kölner Lanxess Arena vor 18.000 begeisterten Zuschauern und all den Freunden und Bekannten zu stehen und tolle Siege zu feiern, war natürlich ein weiteres unvergessliches Highlight.

An einen vollkommenen Kontrast dazu kann ich mich auch erinnern: Wir haben 2014 in Coimbra, Portugal, bei einem internationalen Turnier gegen Großbritannien vor 4 (!!!) Zuschauern gespielt – und das war die Familie unseres damaligen Spielers Paul Zipser, die zu der Zeit in Portugal zufällig Urlaub gemacht hatte…

Bei Turnieren und Meisterschaften ist Frank Offermann als medizinischer Betreuer top fokussiert auf die Athleten. Foto: DBB/Kröger

Was ist Ihnen persönlich besonders in Erinnerung geblieben?

Als ich 2011 und 2015 Dirk Nowitzki behandeln durfte. Da habe ich gemerkt, dass er auch einfach nur ein ganz normaler und sehr netter Typ ist, der, wie er selbst sagt, „nur etwas besser das Bällchen ins Körbchen werfen kann“.

Oder in diesem Jahr unseren ehemaligen Kapitän Robin Benzing nach 13 Jahren zu verabschieden. Der Junge hat seit 2009 jeden Sommer für die „Natio“ gespielt und war selbst bei der Geburt seiner Tochter 2017 bei der Basketball EM in Tel Aviv. Wahnsinn! Wir hatten beide zusammen 2009 beim DBB angefangen und das verbindet und berührt einen natürlich.

Arbeiten Sie eng mit dem medizinischen Team der Basketball-Nationalmannschaft zusammen?

Absolut! Wir sind ein Team von ca. 10 Ärzten, Physiotherapeuten und eben Osteopathen, in dem die Zusammenarbeit wirklich sehr eng ist. Während der DBB-Maßnahmen sind immer ein Arzt und zwei Therapeuten bei der Mannschaft. Jeder hat dabei seine Aufgabe, um eine optimale medizinische Betreuung der Spieler zu gewährleisten. Oft werden die „zu Haus“ gebliebenen Kollegen mit in die medizinischen Entscheidungsprozesse involviert, sodass hier eine enge Kommunikation herrscht.

Das sind jedoch nicht alle, die wichtig sind im Betreuungsprozess der Mannschaft. Es gibt Radiologen, Internisten, Apotheker, Zahnärzte oder Orthopädietechniker – selbst Ärzte oder Physiotherapeuten aus der NBA werden bei Bedarf involviert. Ein echt großer Aufwand, wenn man sich das überlegt. Aber es lohnt sich.

Ein unglaubliches Gefühl für die Mannschaft, das Team, die Betreuer: Bronze bei der Basketball-Europameisterschaft! Foto: DBB/Kröger 

EuroBasket 2022 – Deutschland im Halbfinale gegen Spanien. Wie aufgeregt waren Sie selbst vor dem Spiel?

Natürlich war das ein ganz besonderes Spiel. Es ist schon etwas, sich für das Finale einer Europameisterschaft zu qualifizieren. Aber die Nervosität war nicht viel größer als sonst. Objektiv betrachtet, war es halt ein Spiel wie jedes andere auch: Es gibt 10 Spieler, 2 Körbe, 3 Schiedsrichter, es dauert 40 Minuten und es gibt einen Gewinner. Meines Erachtens ist es sehr wichtig, sich das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Herr Offermann, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit beiden Nationalmannschaften!


Interessantes über den/die Autoren


Frank Offermann

Foto: bastisevastos

Nach beiden Studiengängen zum „Bachelor of Fysiotherapie“ in Heerlen, Niederlande, und zum „Master of Clinical Physiotherapy (Manipulative Therapy)“ in Perth, Australien, arbeitete Frank Offermann zunächst in der Kölner MediaPark Klinik im Bereich der Sportrehabilitation von PhysioSport.

Mittlerweile führt er seit über 10 Jahren eine eigene Praxis in Köln und betreut sowohl die deutsche Schwimm- als auch die Basketball-Nationalmannschaft als osteopathischer Therapeut.

 

Kontakt:
Frank Offermann
Theranova Physiotherapie
Hohenzollernring 57
50672 Köln
www.theranova-koeln.de

Jacqueline Damböck

Jacqueline Damböck

Von Kindesbeinen an hat Jacqueline Damböck mit Gesundheitsthemen zu tun: Aufgewachsen in einer Massagepraxis und später Physiotherapie hat sie sich daneben schon immer für Medien und den Journalismus interessiert. Nach der kaufmännischen Ausbildung im Verlag absolvierte sie daher das Ressortjournalismus-Studium mit Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften an der Hochschule Ansbach.

Im Anschluss sammelte sie Erfahrungen als Fachredakteurin, freie Journalistin und Werbetexterin. Bevor sie zum BVO wechselte war sie Chefredakteurin der CO.med.

Kontakt:

presse@bv-osteopathie.de


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